Wirtschaften
Wirte, Gäste und ihr Verhalten

Wo´s Kränzche hängt...
Den Apfelwein lernt man am besten in seiner Atmosphäre kennen. Dazu muß man wissen, wo die richtigen Apfelweingaststätten sind. Manche der entsprechenden sind gar nicht so leicht ausfindig zu machen, da sie weder durch besonders schöne Häuser noch durch stolze Wirtshausschilder auffallen, sondern oft nur an einem grünen Kranz (Symbol des Frankfurter Wahlspruchs „Lewe un lewe lasse“), mit Bembel oder Apfel über der Eingangstür zu erkennen sind und damit kundtun:
hier wo´s Kränzche hängt, da wird ausgeschenkt.
Angeordnet wurde das Heraushängen des Fichtekranzes um 1641. Früher gab es in Frankfurt die Heckenwirtschaften. Die Weingärtner auch „Häcker“ genannt (daher der Name „Hecke“), verzapften ihren eigenen, selbstgekelterten Äpfelwein in ihrem Haus, meist in den Parterrelokalitäten ihrer Behausungen, die sonst als Wohnräume dienten. Das war meist die ausgeräumte Wohnstube, wurde diese zu klein, wurde auch der Flur und die nach oben führende Treppe zu Wirtschaftszwecken herangezogen. Später kam ein Schankraum dazu, der aber auch nur sehr einfach eingerichtet war: ein Schanktisch, dahinter die „Spühlbrenk“ mit Trocken- und Ablaufbrett. Auf dem Schanktisch der Faulenzer als Einschenkhilfsgerät, in dem der Bembel (auch heute noch) steht. Natürlich waren diese ersten
Wirtschaften eher spartanisch als komfortabel eingerichtet, aber das Publikum fühlte sich dort wohl und ein echter Ebbelweiwirt will nicht protzen. Er sagt sich: „Mei guder Schobbe lobt sich von selbst“. Und wirklich, wo es heute noch einen guten Schoppen gibt, sind die Gaststätten oder Gärten auch immer gut besucht von freundlichen, gemütlichen Menschen, von denen wir später noch berichten werden.


Kommen wir aber erst einmal zu den
Wirten, denn sie sind
ein Kapitel für sich - und darum sollen sie auch eins haben.

Im allgemeinen zeichneten sie sich früher nicht durch übergroße Höflichkeit aus, sondern eher durch Grob- und Derbheit. Sie meinten: zu höflich is albern.
Manche von ihnen haben es durch ihre Grobheit zur örtlichen Berühmtheit gebracht. Sie fühlten sich in der Gaststube als absoluter Herrscher, und ihre Gäste hatten sich in den Wünschen und Forderungen danach zu richten, was der Wirt bereit war zu geben. War ein Gast mit der Auswahl nicht recht zufrieden, bekam er zu hören: „Wann Ihnen des net basst, fressese dehaam“! Dies oder ein anderer Ausspruch, wie: „Mer sin zwar grob, awwer mer maanes aach so“, kann man auch heute noch zuhören bekommen, denn die Äpfelweinwirte, die fast alle aus uralten Frankfurter Familien stammen, haben zwar das Herz auf dem rechten Fleck, jedoch sind sie mit dem Mundwerk nicht verlegen, wenn man sie herausfordert.
Sie sind bodenständig verwurzelt, halten auf Tradition und das Brauchtum.
Die 65 Äpfelweinwirte, die in der 1919 gegründeten „Vereinigung der Äpfelweinkeltereien mit eigenem Ausschank Frankfurt am Main und Umgebung e. V. “ sind, bemühen sich, auf die Qualität des Stöffche zu achten. Außerdem sind die Äpfelweinwirte von jeher selbstbewußt genug, um sich auch mit der Obrigkeit anzulegen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Ob es um die Steuer geht, um die Konzession, oder um Auflagen vom Gewerbe- und Ordnungsamt, man scheut sich nicht, notfalls auch selbst den Gang zum Kadi anzutreten.
Schlußfolgernd: Der dumme Spruch „Wer nichts wird, wird Wirt“, trifft auf die Äpfelweinwirte nun wirklich nicht zu, da sie ihr Metier voll und ganz im Griff haben
.

Gäste und ihr Verhalten
Apfelwein trinkt man nicht, und saufen tut man ihn schon gar nicht, das machen nur die, die nichts davon verstehen. Sondern der Beginn der Prozedur wird mit einem einfachen : „Mer gehn zum Äppelwei, gehst de mit?“ angekündigt.
Der Akt der Flüssigkeitsaufnahme selbst wird dann bezeichnet mit Petze, Robbe oder Schlotze usw. Man gibt sich mehr oder weniger so wie man ist, möglichst ohne den Nachbarn auf den Wecker zu fallen, „die hawwe nämlich selbst was zu lache“. Ohne Unterschied des Standes sitzt man beim Äpfelwein zusammen.
Man kann dieses einmalige Milieu nicht bunt genug schildern, man muß es selbst erlebt haben, wie sie auf den langen harten Bänken bis tief in die Nacht „hocken“, die gerippten Gläser umfassen und sich zutrinken. Eine einzige große Gemeinschaft von friedlichen „Berjer“, die ihren „Schoppe petze“.
Versuchen Sie nicht als Fremder „frankforterisch auf hochdeutsch zu babbele“, sonst sind Sie ein „Klugschisser“. Der Frankfurter liebt das Ungezwungene und drückt sich deutlich aus. Es darf auch ruhig mal lauter werden und man haut sich auch mal auf die Schenkel. Aber jede Ausgelassenheit findet ihre natürlichen Grenzen irgendwo vorm Nachbartisch. Umgekehrt ist oberste Verhaltensregel immer Toleranz, auch wenn sie manchmal ein bißchen strapaziert wird. Wird es gar zu „doll“, lassen sie das den Wirt besorgen.
Ein echter Frankfurter kennt natürlich seinen Äpfelwein und liebt ihn über alles. Er kennt alle Äpfelweinlokale weit und breit, hibb der Bach, dribb der Bach und drumherum. Selbstverständlich hat er auch sein Stammlokal, wo er „dahaam“ ist und seinen angestammten Platz zur bestimmten Uhrzeit behauptet; der Wirt könnte seine Uhr danach stellen, so pünktlich stehen die Gäste vor der Tür.
Wer Stille sucht und in sich selbst einkehren will, sollte am Nachmittag oder frühen Abend zum Äpfelwein gehen, „schee ruhig un gemiedlich“.
Das ziehen die Geschworenen vor. Geschworene, was ist das, wird man sich fragen, das sind Kenner, die sich ein Urteil über den Äpfelwein erlauben können.
Wenn sie länger sitzen, sind es „Brenner“. Die „Rundbrenner“ petzen zwei Anstandsschoppen, verabschieden sich nach Hause - und schwenken gleich darauf in der nächsten Zapfstelle die Gurgel.
Da die Frankfurter ein goldiges Gemüt haben, lassen sie auch die Fremden, die „Eigeplackte“, die „Messfremde“ und die „Zugeloffene“ sich bei ihnen am Tisch niedersetzen. Bald werden sie in das Gespräch einbezogen, denn der Frankfurter „babbelt“ gern. Mit „Ei gude - wo komme se denn her?“ wird die nun abendfüllende Unterhaltung eingeleitet, man rückt näher zusammen und nach etlichen Schoppen Äpfelwein wird immer lebhafter „schläächtgeschwätzt“ wie mit uralten Bekannten. Apropos „Babbeln“, es ist unhöflich, einen Nicht-Frankfurter darauf aufmerksam zu machen, daß er kein Deutsch kann. Die meisten merken es im Laufe des Abends ohnehin selbst.
Der Äpfelweintrinker bevorzugt heute einen aromatischen und spritzigen Äpfelwein mit einer feinen Fruchtsäure, vor allem, nachdem auch die Damenwelt Geschmack am Äpfelwein und seinem Millieu gefunden hat. Früher gingen bekanntlich die Herren allein zu ihrem Schoppen, nur sonntags durften auch die Frauen mit. Die Zeiten haben sich glücklicherweise geändert, heute gehen die jungen und die immer jungbleibenden Damen selbstverständlich auch alleine zum Äpfelwein.
Ein echter Äpfelweingeschworener trinkt seinen Äpfelwein nur pur.
Autofahrer trinken „
Gespritzte“, der Äpfelwein ist dann mit Mineralwasser verdünnt. „Herrengespritzter“, das ist Apfelwein mit Sekt gespritzt.
Süßgespritzter“ ist verpönt. Mutet keinem Äpfelweinwirt zu, seinen guten Schoppen mit Limonade zu verpanschen! Gäste, die es trotzdem verlangen, werden wie Adam und Eva aus dem Äpfelweinparadies vertrieben.
In den jungen Kreisen der Banker und Yuppies hat der Äpfelwein das Modewort „
Äppler“ erhalten.
Wer Bier trinken will, soll in eine Bierschwemme gehen, es ist ein sehr degoutanter (ekelhafter) Anblick, wenn auf einem blank gescheuerten Apfelweintisch Bierflaschen stehen.
In einer echten Apfelweinwirtschaft wird Bier absolut verpönt und erst garnicht ausgeschenkt, allenfalls Malzbier für Kinder und werdende Mütter. Es muß aber nachgewiesen werden, daß es sich wirklich um solche Personen handelt.
Zum Apfelwein muß man etwas essen, damit man eine Grundlage hat und nicht schon beim zweiten Schoppen das Gleichgewicht verliert.
Beliebte Kleinigkeiten sind Brezeln, Hartekuchen (Zimtgebäck), Kümmelweck, Zöpf und Makronen. Sie werden vom „Brezzelbub“ gebracht, der seine Runden durch die Wirtschaften zieht. Man kauft sie direkt aus seinem Korb, der meist gut gefüllt ist.
Wer größeren Hunger verspürt, der kann sich mit Frankfurter Spezialitäten wie Rippchen oder Haspel mit Kraut, Ochsenfleisch, Zunge mit grüner Soße, Fleisch- und Rindswurst, Frankfurter Würstchen und natürlich nicht zu vergessen, „Handkäs mit Musik“ sättigen.
Die Speisekarten der Apfelweingaststätten sind mittlerweile umfangreicher geworden, so daß man auch Gebackenes und Gebratenes bekommt. Jedoch empfiehlt sich immer die jeweilige Spezialität des Hauses. Diese Wahl wird selten enttäuscht!
Vor dem Heimgehen nimmt man gern noch einen Rollschobbe, dabei tranken früher mehrere Personen den letzten Schoppen aus einem gemeinsamen Glas - heute bekommt humanerweise jeder Gast ein eigenes Glas. An der Theke können Sie auch beim Vorbeigehen noch „aan zum Abgewehne“ nehmen, das ist dann der Drollschobbe, dann trollt man sich.

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